Impulsive Borderline-Reaktionen als behandelbare Angstreaktionen

… wie ein Reh im Scheinwerferlicht …

Worauf die Missverständnisse basieren

Eingangsbeispiel

 „Ich hasse ihn. Ich hasse ihn so sehr. Er soll aus meinem Leben verschwinden. Er tut mir nur noch weh. Es tut alles so weh“ – es dauert, bis sich Lara etwas beruhigt. Sie sieht aus dem Sessel mir gegenüber auf und blickt mir ins Gesicht. „Er tut nur noch weh. Ich will keine Ablehnung mehr. Ich will keinen Schmerz mehr. Ich will nur noch sterben.“

Als ich sie frage, was genau passiert ist, fängt sie erneut an, bitterlich zu weinen. In ihrem Gesicht spiegelt sich großer Schmerz, von außen spürbar und greifbar. Ihre Hände umklammern ihr Mobiltelefon. Sie zittern. Laras Stimme ist leise: „Er hat mich geblockt. Auf Facebook, WhatsApp überall.

Erst hat er mich ignoriert, und als ich versucht habe, mit ihm zu sprechen, hat er mich überall gesperrt. Ich will nicht mehr. Er sieht mich nicht. Er versteht mich nicht.“ Immer wieder starrt sie auf ihr Mobiltelefon. „Ich bin immer noch blockiert. Warum?“

Lara ist 38 Jahre alt und leidet unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Beruflich ist sie sehr erfolgreich, verdient gut. Seit sechs Monaten ist sie mit dem 43 jährigen Sven liiert. Sie berichtet.

„Wir sehen uns dieses Wochenende nicht. Sven ist auf einem Seminar in Frankreich. Als ich ihn gestern Abend angerufen habe, ist er nicht ans Telefon gegangen. Dann habe ich Panik bekommen. Auf einmal kamen lauter Bilder in meinem Kopf hoch von ihm und anderen Frauen.

Mir ist eingefallen, dass er mir erzählt hat, er hätte seine Ex in einem Seminar kennen gelernt. Ich habe mehrere Male versucht, ihn zu erreichen, habe ihm auch Nachrichten geschickt. Er hat mich komplett ignoriert, obwohl er die verpassten Anrufe hätte sehen müssen oder die Nachrichten. Er hat sein Handy sonst doch auch immer dabei.

Dann habe ich ihm geschrieben, dass er sich nie mehr bei mir melden muss. Und, dass ich ihn hasse und dass er mir weh tut. Keine Antwort. Er hätte doch einfach schreiben können, dass es nicht stimmt.

Ich bin auf Knien auf dem kalten Küchenboden gesessen. Ich konnte nichts tun, mich nicht bewegen. Ab und zu habe ich geweint, mit dem Kopf auf dem Boden. Und dann bin ich wieder da gesessen mit diesem Schmerz. Ich konnte nicht aufstehen.

Dann hat er auf einmal doch angerufen und gefragt, was mit mir los sei. Was mit mir los sei? Das hab ich ihm doch geschrieben, dass er mir weh tut. Dieser Schmerz, und er fragt nur, was los sei? Da ist mir klar geworden, dass er nichts verstanden hat und nie etwas verstehen wird.

Ich habe aufgelegt und ihm gesagt, dass er mich in Ruhe lassen soll und dass diese Beziehung beendet ist. Er hat dazu nichts gesagt, offenbar wollte er die Beziehung auch schon lang beenden.

Dann habe ich aufgelegt und ihn geblockt. Das hat mich so verletzt. Wenn er mich nicht will, ok. Und nein, ich brauche ihn nicht mehr. Sicher betrügt er mich. Seminar, wer’s glaubt. Wahrscheinlich bin ich ihm langweilig geworden. Es hat ihn ja auch nicht interessiert, wie es mir geht.

Dann war auch der Schmerz weg. Ich habe gar nichts mehr gefühlt. Und am nächsten Morgen bin ich aufgewacht, aber das Aufwachen hat sich angefühlt, als finge der Alptraum erst an.“

Lara sieht auf ihr Mobiltelefon. Ihre Augen sind traurig. „Ich bin immer noch geblockt.“

Ich frage sie, wie es weitergegangen ist. Sie fährt fort:

Ich habe ihn dann wieder entblockt und gesehen, dass er online ist. Ich habe gewartet. Er war ein paar Minuten online, aber mir hat er nicht geschrieben. Ich weiß nicht. mit wem er geschrieben hat. Vielleicht mit jemandem, der, oder vielmehr die ihm wichtiger ist.

Dann habe ich ihm geschrieben, dass es meine letzte Nachricht in seinem Leben ist und dass ich ihm hasse und dass er mir fernbleiben soll. Ich habe ihm einen schönen Abend und viel Spaß gewünscht und dann wieder blockiert, damit es aufhört, weh zu tun. Wenn ich ihn blockert habe, dann muss ich auch nicht auf eine Antwort warten, die ohnehin nicht kommt.

Dann habe ich mich wieder auf dem Boden wiedergefunden. Mein ganzer Körper hat gezittert. Der Schmerz war überall. Es war ganz klar. Er ist online und schreibt mir nicht. Ich bin ihm egal. Mir sind dann noch andere Situationen eingefallen, die komisch gewesen sind.

Einmal sind wir im Restaurant gewesen und er ist für eine Ewigkeit auf der Toilette verschwunden. Sein Handy hat er auch dabei gehabt. Ich habe ihn also wieder entsperrt und ihm geschrieben: „Werde glücklich mit der, mit der du damals auf der Toilette geredet hast. Ich bin doch nicht blöd. Leb wohl.“ Und dann habe ich ihn wieder geblockt.

Heute Morgen, als ich ihm schreiben wollte, ging nicht mehr. Er hat mich gesperrt. Überall gesperrt.

Sie nahm einen Schluck Wasser. „Ich habe ihm doch nur gesagt wie ich mich fühle und er versteht es immer noch nicht.“ sagt sie leise. Traurig sieht sie auf ihr Mobiltelefon.

Anmerkung: Wenn im Folgenden die Rede ist von „Borderlinern“, dann dient das dem Textfluss. Es sind hiermit Menschen gemeint, die eine Borderline-Persönlichkeitsstörung entwickeln mussten, um zu überleben. Der nachfolgende Text erklärt auch die Gründe dafür.

Dynamik des Unverständnisses

Borderliner fühlen sich oft nicht verstanden. Auf der anderen Seite versteht der Partner oft die Welt nicht mehr, wenn er mit solchen Verhaltensweisen konfrontiert wird. Für ihn erscheint das Verhalten eines Borderliners oft einfach nur irrational. Er fühlt, dass er sich davor schützen muss. Und letztlich wehrt er sich im Konfliktfall nur gegen etwas, von dem er denkt, dass er das nicht verdient hat.

Am Anfang versucht der Partner in der Regel, das „Warum“ zu verstehen. Er versucht zu verstehen, was er getan haben soll, um eine solche Reaktion in seinem Borderliner hervorzurufen. Das bringt ihn aber nicht weiter, da er keinen „Grund“ in diesem Sinne finden kann.

Denn es gibt keinen Grund in ihm oder seinem Verhalten, der die heftige Reaktion des Borderliners zu erklären vermag. In einem weiteren Schritt wehrt er die heftige Reaktion des Borderliners ab, die er nach Bewertung als unangemessen, als übertrieben oder schlicht manipulativ empfindet.

Die Reaktion des Partners ist Schutz seiner selbst. Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach Sicherheit.

Jeder Mensch verspürt zunächst den Drang, das „Warum“ eines unangenehmen Verhaltens zu verstehen. Wenn man mit einem unangenehmen Verhalten (z. B. Beschimpfungen) konfrontiert wird, dann versucht man instinktiv zu ergründen, ob man selbst einen Grund für dieses Verhalten gegeben hat.

Das dient zunächst einmal der Gefahreneinschätzung. Es ist Grundbedürfnis eines Menschen, sich sicher zu fühlen. Wenn man mit seinem eigenen Verhalten einen adäquaten Grund für eine Reaktion gegeben hat, dann hat man Einfluss auf eine Situation, ist also auch sicher, weil man die Situation und seine Umgebung mit steuern und beeinflussen kann.

Man hat es dann in der Hand, auf das unangenehme Verhalten Einfluss zu nehmen, z. B. indem man sich entschuldigt oder sich anders verhält. Diese Einflussnahme ist wichtig, weil sie einem erlaubt, die Situation zu kontrollieren und so auch Sicherheit zu erleben.

Hat man hingegen keine Möglichkeit der Einflussnahme, dann wird es um einen herum unvorhersehbar und damit auch gefährlich; das Gefühl der Sicherheit geht verloren. So ist das auch, wenn man keinen Grund gegeben hat für ein Verhalten, hier im Beispielsfall die heftige Reaktion des Borderliners scheinbar „grundlos“ über einen kommt. Denn dann schwindet die Sicherheit. Fehlende Vorhersehbarkeit ist auch fehlende Sicherheit.

Mit seinen heftigen, dem Hier und Jetzt nicht angemessenen Reaktionen provoziert ein Borderliner also defensives Verhalten des Partners. Der Partner verliert das Gefühl der Sicherheit bei den heftigen Reaktionen. Denn ein Borderliner gerät immer wieder aus scheinbar nichtigem Anlass in einen anderen „Zustand“.

Der Zustand des Borderliners ist für den Partner nicht voraussehbar. Denn der Partner hat diesen Zustand nicht verursacht. Hier im Beispielsfall hat der Partner vielleicht Anlass gegeben, indem er sich hier nicht gemeldet hat. Es war aber kein adäquater Anlass. Denn es war kein Anlass, der bedeutend genug war, um eine Reaktion in dieser Heftigkeit auszulösen.

Da der Partner dann in der Folge versucht, sich zu schützen, z. B. durch Kontaktabbruch oder Gegenreaktionen, fühlt sich der Borderliner unverstanden, abgelehnt, und gerät immer tiefer in seinen Zustand. Und so kommt es immer wieder zu Bindungsabbrüchen durch den Borderliner, weil dieser Zustand für ihn nicht auszuhalten ist.

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