Spiegeln in einer Borderline Beziehung

Was macht ein Borderliner wenn man ihm seine innere Welt spiegelt (Angst, Wut, Unbeholfenheit)? Er wertet die Person die ihm das zurück spiegelt ab, greift sie an oder flüchtet! Warum tut er das? Weil er nicht hinschauen kann und nicht erkennen will dass das es seine eigenen Gefühle sind, die er auf den Partner projiziert hat, weil er Angst vor eigenen Gefühlen hat und für ihn heißt Gefühle zeigen = sich verletzbar zu machen = Todesangst!

Was passiert am Anfang der Beziehung?

Der Borderliner gibt dem Partner das perfekte Spiegelbild... Die besten Seiten werden "ausgepickt" und überdimensional idealisiert! Da schaut man gerne hin, auch wenn es sehr übertrieben ist... Wer würde nicht in ein perfektes Bild von sich selbst schauen???


Bildliches Beispiel
: Ich fühle mich wohl, alles läuft gut, mache mich fertig für eine Party, fühle mich grandios! ich schaue in den Spiegel und bleibe da stehen, denn dieses Bild gefällt mir so sehr und ich möchte es so lange wie möglich anschauen... Ich bin eins mit meinem Spiegel. Ich verlasse das Haus, immer noch glücklich und zufrieden, die Party läuft super gut, super Stimmung, man trinkt , man trinkt ein bisschen mehr... Ich komme ganz spät nach Hause, bin müde und betrunken, alles dreht sich und ich will nur noch ins Bett.

Morgens wache ich auf, will Zähne putzen, schaue in den Spiegel und drehe mich sofort um, oder noch besser, ich würde am liebsten den Spiegel kaputt schlagen, denn das was ich drinnen sehe, gefällt mir überhaupt nicht. Sofort ist die Laune schlecht und somit auch der ganze Tag! Mein Spiegelbild ist nicht das, was ich sehen will, denn ich sehe müde, alt, zerknautscht und hässlich aus... Automatisch vermeide ich den Spiegel, und fühle mich schlecht!


Richtig in den Spiegel zu schauen wäre zu sagen: Hm, ok, heute sehe ich zwar schlimm aus, ich gefalle mir überhaupt nicht, aber das bin trotzdem ich und ich akzeptiere, wie ich im Moment aussehe. Was hat mich dazu gebracht so auszusehen? Hm, hab viel getrunken, viel gefeiert und zu wenig geschlafen. Ergo, muss ich jetzt die Konsenquenzen ziehen und in Zukunft versuchen, weniger zu trinken, mehr zu schlafen und mich zu schonen, damit ich mit meinem Spiegelbild morgens auch zufrieden sein kann, und ich mir deswegen meinen Tag nicht mehr versauen muss...

Gestern war meine Welt in Ordnung und mein Spiegelbild war schön, heute ist es anders... Ich kaufe mir aber deshalb keinen neuen Spiegel, sondern kapiere dass nicht der Spiegel, sondern ich verantwortlich bin für das was ich sehe.


Ein Borderliner entscheidet sich meistens für einen neuen Spiegel und in der ersten Zeit glaubt er dass das Bild, was er sieht am Spiegel liegt, bis er wieder einen Fleck entdeckt...er zertrümmert den Spiegel immer wieder...und immer wieder... weil er nicht kapieren kann/will das ER verantwortlich dafür ist, was der Spiegel zeigt! Irgendwann mal wenn" die Fäuste dermaßen kaputt sind von lauter Spiegeln zerfetzen", geht er zum Arzt, weil seine Hände weh tun...Dann bekommt er Hinweise dass die kaputten Hände was anderes bedeuten, als nur kaputte Hände...dann fängt der Panzer an zu rollen, und er bekommt alle kaputten Spiegel wieder zurück, er muss in jeden einzelnen Trümmer rein schauen...und das kostet Kraft und viel Schmerz... (der Leidensdruck muss groß sein, denn nur dann kann ein BLer merken dass mit ihm irgendwas nicht stimmt...)


Was genau passiert bei einem Borderliner in einer Beziehung? 

Ein Borderliner ist immer auf der Suche nach einem neuen Spiegel, denn er braucht das perfekte Bild von sich selbst. Er trifft auf einen Menschen, bei dem er spürt dass er ihm ein gutes Spiegelbild reflektieren kann und fängt an das zu projizieren, was er selbst haben will. Perfektes Spiegelbild! Der Borderliner ist überglücklich, denn er ist wieder sauber und ohne Flecken... Spannungen lösen sich auf und die Welt ist in Ordnung. Er ahnt aber unbewusst dass auch dieser Spiegel nicht immer gut funktionieren wird, denn er ist es "gewohnt", dass alle Spiegel irgendwann mal "versagen" und fängt schon von Anfang an nach Flecken zu suchen und sich (unbewusst) vorzubereiten auf das was kommen muss...denn er will nur das schöne Bild sehen, vom schlechten rennt er weg...


Was passiert beim Partner?

Er hat noch nie so ein perfektes Spiegelbild bekommen , und er ist überdimensional glücklich, denn jemand zeigt ihm wie toll er ist, wie schön er ist und er ist ein Seelenverwandter! Natürlich ist er das in dem Moment, denn er und der BLer sind eins! Sie spiegeln sich gegenseitig ein perfektes Bild Ihres Selbst! Wer kann da widerstehen???

Nun, es kommt der "Morgen danach". Der Borderliner spürt (aus irgendwelchem Grund, der rational nicht zu erklären ist), dass dieser Spiegel auch nicht so sauber ist, denn wie oben geschrieben, er spürt beim Partner das was er selbst vor sich versteckt, weil er Todesangst hat... Der Borderliner geht auf Distanz...das heißt "entweder zertrümmert er den Spiegel, oder flüchtet..." Er hat aber schon von Anfang an unbewusst geahnt dass es so sein wird (In der Idealisierungsphase hat die Abwertung schon unterschwellig statt gefunden), und fühlt sich bestätigt in seinem Muster : "Alle Spiegel sind schlecht" (natürlich bildlich gesehen)...


Was passiert mit dem Partner?

Bildlich: Sein Spiegel ist " verschwunden"... Er steht auf, will Zähne putzen und schaut in den Spiegel...aber der Spiegel ist weg! Er tappt im Dunklen, weiß nicht, wie er sich fühlt, denn wie kann er weiter leben... Ungewissheit, er kann seine Frisur nicht richten, seine Zähne putzen, schauen ob die Klamotten passen... Er bekommt Angst... genau diese Angst, die ihm ein Borderliner "vererbt" bzw. rein projiziert hat (projektive identifikation), noch als er ihn idealisiert hat! Nun der Partner hat das am Anfang nicht gemerkt, denn er war so verblendet vom EIGENEN SPIEGELBILD, dass er alles was drum herum passiert ist, ausgeblendet hat!

Dann kommt der Borderliner wieder zurück und der Partner ist wieder glücklich, auch wenn der Spiegel nicht mehr so strahlend ist, aber Hauptsache wieder da...und wenn man ein bisschen "Sidolin nimmt" und poliert, dann wird alles wieder strahlend und schön... Er versucht sich immer wieder strahlend im Partner zu sehen, und dann fängt es richtig an zu knallen...Der Partner versucht "schöner" auszusehen, freundlicher zu sein usw. nur um wieder das Bild vom Anfang herzustellen...

Der Borderliner wirkt wütend, kalt, distanziert usw...

Der Partner versucht immer noch auf normalem Weg zu klären und versucht alles mögliches um den BLer zu beruhigen.. Nun das funktioniert nicht... Der Partner fängt an, die ganze Schuld auf sich zu nehmen, ruhiger und freundlicher zu werden, um bloß den BLer nicht zu kränken...

Im Partner löst das etwas sehr schmerzhaftes aus, und wenn der BLer merkt, dass der Partner Angst hat, unsicher ist, sich schuldig fühlt...dann geht er, aus Gründen, die ich oben beschrieben habe. Der Borderliner muss den Spiegel zertrümmern, weil er Angst hat vor diesen Gefühlen die ihm zurück gespiegelt werden! Todesangst! Er "darf" diese Gefühle nicht fühlen, denn sie bedeuten Schwäche, und Schwäche zeigen bedeutet Schuld, und Schuld bedeutet Strafe, und Strafe bedeutet Tod!

Der Partner bleibt aber auch mit einem verschmutzten Spiegel! Er dreht sich um, er zertrümmert den Spiegel nicht, sondern fragt sich : WARUM? Er dreht den Kopf weg und schaut nach dem Partner, der ihm am Anfang was anderes vermittelt hatte und kann nicht verstehen wieso es auf einmal vorbei ist... Er fühlt sich betrogen, belogen, hintergangen und missachtet! Alles stimmt! Denn ein Mensch, der nicht nachvollziehen kann was in einem Borderliner vorgeht, kann es auch nicht anders interpretieren. Er hat alle Ängste, Unsicherheiten und Schmerzen übernommen, ohne es zu wissen, denn am Anfang schon, hat er es, als er mit dem Spiegel EINS war, injiziert bekommen, nun er konnte es vor lauter Verblendung nicht wahrnehmen...

Irgendwann mal, nachdem man begriffen hat was da abgelaufen ist, nachdem man realisiert hat dass man nichts machen konnte um diese Beziehung zu erhalten, nachdem man begriffen hat das man gar keine Schuld am Scheitern der Beziehung hat, und nachdem man realisiert hat dass alles mit Normalität nichts zu tun hat...sollte man sich zu sich drehen, und genau in den Trümmern die Spiegelstücke "sammeln" und genau hinschauen was einem nicht gefällt...

In diesen Trümmern kann man die Ursachen und Gründe finden, auch wenn es nicht angenehm ist...


Bordeline Beziehungen funktionieren oft nach dem Schlüssel-Schloss Prinzip, und jeder Mensch bekommt seinen Spiegel vorgehalten. Der Borderliner will nicht hinschauen, und viele BLer verbringen ihr ganzes Leben auf der Suche...Ihre Ängste sind ihr "Treibstoff" und der Motor muss weiter laufen...alles andere bedeutet Tod!

Aber Borderliner zünden im Partner das an, was schon vorhanden ist, und ein Partner kann wieder gesund werden, wenn er nur richtig hinschaut und was dagegen tut. Und das kann er als Chance annehmen zu wachsen und den Weg zu sich zu finden... Denn je länger er den Borderliner verteufelt (es ist auch legitim und sogar wichtig am Anfang der Verarbeitung, Wut zuzulassen und auf den Bler zu "schießen"), desto mehr entfernt er sich von sich selbst und tut Ähnliches wie sein Bordeliner... zertrümmern und abwerten anstatt hinschauen!

Ein Borderliner hat feine Antennen und ist sehr sensibilisiert und er findet (unbewusst) die Spalte in der Psyche wo er andocken kann...

Man kann es auch als Chance sehen und genau diese Spalte finden und daran arbeiten... das ist der richtige Weg und er lohnt sich, denn es ist der Weg zu sich selbst...


Im Spiegel kann man nur eine Person begegnen - sich selbst!


(c) 2011 Suzana Pavic

Quelle: "Am Ende bleibt der Schmerz und die Frage Warum"  Suzana Pavic und Ed Hellmeier